Wie die Smartwatch uns zu gesünderen Menschen macht.

TEXT: Dr. Michael W. Preikschas

Im Jahr 2015, als Apple seine erste Uhr auf den Markt brachte, waren Fitness-Tracker vom Wettbewerber Fitbit bereits seit sechs Jahren auf dem Markt. Damals gab es schon mehr als 500 gesundheitsbezogene Wearables. Der Umsatz mit Smartwatches und Fitness-Trackern belief sich auf 8 Milliarden US-Dollar. Bis ins Jahr 2021 hat sich dieser Wert nun vervielfacht. Weltweit wurden 29 Milliarden Dollar umgesetzt — mehr als die Hälfte des Betrags, der jährlich für die Gesamtheit an Sportartikeln ausgegeben wird. In Amerika erinnern die Wachstumsraten der schlauen Uhren an die der Anfangszeit der Mobiltelefone. Im Jahr 2021 besitzt jeder vierte Amerikaner eine Smartwatch oder einen Fitness-Tracker. Dieser Wert ist auch in einigen europäischen Ländern wie Großbritannien und Finnland ähnlich hoch. Die Zahl der in Nordamerika ausgelieferten Geräte hat sich von 2015 bis 2021 mehr als verdoppelt. In Westeuropa und China hat sie sich mehr als verdreifacht. Im Jahr 2019 hat Apple mehr Uhren verkauft als die gesamte Schweizer Uhrenindustrie. Es wird erwartet, dass bis 2026 jährlich rund 400 Millionen Geräte (aller Marken) verkauft werden, gegenüber 200 Millionen im Jahr 2020.

Aber was kann uns die Auswertung von körpereigenen Daten — neben dem Monitoring von sportlichen Höchstleistungen — bringen? Beispielsweise die Kenntnis darüber, wie unser Körper die aufgenommene Ernährung verarbeitet. Dann wüssten wir, dass ein Brötchen aus Sauerteig zum Frühstück einen pendelnden Blutzuckerspiegel beschert, während ein Stück Bananenbrot mit der gleichen Anzahl an Kalorien uns bis zur Mittagspause eine gleichbleibende Energie ermöglicht. Nur ein Beispiel, denn leider sind die Reaktionen auf unser Essen individuell verschieden.

Hier könnte die Fähigkeit eines Wearable von Nutzen sein, welches kontinuierlich den Blutzucker misst. Zum Beispiel ein etwa münzgroßes Gerät, das Daten auf ein Smartphone beamt. Das Gerät hat Energie für zwei Wochen und piekst mit einer winzigen Nadel direkt unter die Haut. Alle paar Minuten misst es so die Zuckerkonzentration in der Flüssigkeit zwischen den Zellen — ein guter Anhaltspunkt dafür, was im Blutkreislauf vor sich geht. Solche Stoffwechselstudien haben das wissenschaftliche Denken darüber, wie eine gesunde Ernährung aussieht, verändert. Es hat sich herausgestellt, dass viele scheinbar gesunde Menschen nach den Mahlzeiten oft Blutzuckerspitzen aufweisen, die mit der Entwicklung von Prädiabetes in Verbindung gebracht werden.

In den letzten fünf Jahren haben Start-ups in Amerika, Europa und Asien KI-basierte personalisierte Ernährungs-Apps auf den Markt gebracht, die auf diesen Entdeckungen aufbauen. Eine von ihnen, Zoe, schickt ihren Kunden ein Set speziell zusammengestellter Muffins. Da das Unternehmen genau weiß, was in diesem Kuchen enthalten ist, und die Veränderungen des Blutzuckers und der Fette misst, die als Reaktion darauf auftreten, kann es ein Vorhersagemodell für den Stoffwechsel seiner Kunden erstellen.

Der Algorithmus erstellt dann einen maßgeschneiderten Katalog von Lebensmitteln und Mahlzeiten mit den vorhergesagten Blutzuckerreaktionen. Die KI bei solchen personalisierten Diäten macht es einfacher, die Ernährungsänderung langfristig beizubehalten, denn sie gibt den Menschen Optionen an die Hand Kleinigkeiten zu ändern. Der Algorithmus könnte beispielsweise vorschlagen, ein paar Nüsse auf das Eis zu streuen oder nach dem Essen einen Spaziergang zu machen.

Laut HealthifyMe, einem indischen Startup, das digitales Coaching zur Gewichtsabnahme anbietet, ist davon überzeugt, dass die gesammelten Daten nicht nur den Primärkunden zugutekommen werden. Vielmehr ließen sich zusätzlich — sozusagen als Zweitverwertung — Apps für Menschen entwickeln, die keine Wearables besitzen. Man kann mit den Informationen schließlich auf die Allgemeinheit rückschließen.

Auch während Corona konnte dies Phänomen beobachtet werden. Denn unmittelbar nach Beginn der Pandemie haben mehrere Forschungsinstitute auf der ganzen Welt Studien durchgeführt. Grundlage der Forschung waren Daten von tragbaren Fitness-Tracker, die Personen freiwillig zur Verfügung gestellt hatten. An der weltweit größten Studie, dem Corona-Datenspendenprojekt des Robert-Koch-Instituts in Deutschland, nahmen mehr als 500.000 Menschen teil. Bei Detect, eine Studie des Scripps Research Institute in Kalifornien, waren es zumindest 30.000 Personen.

Bei solch einer Krankheitsüberwachung ist der nützlichste Biomarker das Fieber, als ein direktes Anzeichen für eine Infektion. Aber die meisten Wearables messen die Temperatur nicht, weil genaue Messungen schwer zu bewerkstelligen sind. Also musste ein Ersatz geschaffen werden, der sich auf Standarddaten stützt, die sie messen, wie Herzfrequenz im Schlaf und das Aktivitätsniveau. Die gemessene Ruheherzfrequenz wenn Menschen still sitzen, variiert stark von Person zu Person — alles zwischen 50 und 100 Schlägen pro Minute gilt als normal — aber die Frequenz jeder Person ist im Allgemeinen stabil. Wenn der Körper jedoch gegen eine Infektion ankämpft, steigt die Frequenz oft dramatisch an. Bei Covid-19 zeigten die Daten der tragbaren Geräte, dass dieser Anstieg vier Tage vor dem Start von Symptomen auftrat. Einer Schätzung zufolge konnten 63 % der Covid-Fälle anhand der Veränderungen der Herzfrequenz in Ruhe vor dem Auftreten von Symptomen erkannt werden.

Innovatoren erreichen mehr Umsatz und Gewinn, neue Kunden und Märkte. Trends früh erkennen, daraus Bedürfnisse richtig und rechtzeitig ableiten, neue Lösungen zum Erfolg entwickeln — das ist ihr Geschäft. Sie arbeiten intern im Netzwerk und extern mit Partnern. Marketing und Vertrieb sind früh eingebunden. Innovationen beginnen mit Ideen und gelingen durch strukturiertes Management.

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