Sinn-Ökonomie: Der Einklang zwischen Ökologie und Wirtschaft

InnovationsRadar
5 min readMay 19, 2023

TEXT: Dr. Michael W. Preikschas

Vor einem halben Jahrhundert wurde ein Text veröffentlicht, der die Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften erschütterte. Darin beschrieben Meadows et al., dass der Planet Erde, anders als bis zu diesem Zeitpunkt von den Ökonomen propagiert, kein unbegrenztes Rohstofflager ist. Er ist auch keine unendliche Müllhalde. Der Bericht “The limits to growth“ machte deutlich, dass der Planet Erde unbewohnbar werden wird, wenn wir unser Wirtschaftsmodell nicht ändern.

Das bestehende Wirtschaftssystem hat Milliarden von Menschen ein gewisses Maß an Wohlstand gebracht. Es hat aber auch den Klimawandel forciert. Es hat das sechste Massensterben von Arten ausgelöst und 40 % unseres nutzbaren Bodens seine mögliche Produktivität genommen. In 100 % der Niederschläge auf der ganzen Welt können wir heute Spuren von Schadstoffen finden. Außerdem hat dieses Wirtschaftssystem die Schere der Ungleichheit in unseren Gesellschaften weiter geöffnet. Und gleichzeitig nimmt die Lebenszufriedenheit ab — vor allem in wirtschaftlich reichen Gesellschaften. Um sicherzustellen, dass die Milliarden von Menschen auf der Erde, die Chance auf ein erfülltes Leben haben, scheint ein drastischer Kurswechsel erforderlich.

Die gute Nachricht: Das Wachsen des Bewusstseins über die Sackgasse, in der sich unser Wirtschaftssystem befindet. Wir haben immer noch die kollektiven Ressourcen, um einen Paradigmenwechsel auszulösen.

Der Europäischen Union kommt bei diesem Wechsel eine Schlüsselrolle zu. Wir leben hier zwar gerade einmal auf 2,2 % der Fläche unseres Planeten, wenn wir beim gerechten Übergang zu einem nachhaltigen Wirtschaftsmodell eine Führungsrolle übernehmen, könnte dies unseren Volkswirtschaften aber einen Sinn geben. Denn schließlich existiert auch eine ethische Verpflichtung. Bislang waren wir die Hauptnutznießer der Wirtschaftslogik. Ein Großteil der Schäden, die der Planet erlitten hat, haben die Europäer verursacht. Somit tragen wir die Hauptverantwortung dafür, den für die Zukunft der Menschheit notwendigen Wandel herbeizuführen. Doch je lauter die Rufe nach Veränderung werden, desto lauter wird auch der Widerstand der mächtigen Nutznießer eines sterbenden Wirtschaftsmodells. Das zeigt die zunehmende Ablehnung des Europäischen Green Deal, des ersten ernsthaften Versuchs der EU, einen Schritt auf dem Weg der Transformation zu beschreiten.

Die Einsicht, dass wir uns auf absehbare Zeit innerhalb der planetarischen Grenzen bewegen müssen, zwingt uns dazu die Illusion zu vergessen, immer und ewig mehr von allem für alle haben zu wollen. Anstelle von Maximierung muss das Schlüsselwort für unsere Wirtschaft Angemessenheit heißen. Die Erkenntnis, dass es Beschränkungen gibt, zwingt uns, Entscheidungen darüber zu treffen, was wir tun und was wir nicht — oder nicht mehr — tun wollen.

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Die Abkehr von der rein profit- bzw. wachstumsorientierten Ausrichtung eines ökonomischen Systems, verbunden mit der der Sinnsuche im ökologischen und sozialen Gemeinwohl nennt sich im Deutschen Sinn-Ökonomie oder auch Gemeinwohl-Ökonomie.

Viele Unternehmen folgen schon heute dieser Ideologie und zeigen wie erfolgreich dieser Ansatz für den Planeten und das Individuum sein kann.

Folgend einige Beispiele aus dem Trendbarometer Trendone:

Das Stricklabel Sheep Inc. bietet kohlenstoffnegative Kapuzenpullover an, die mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen, als bei ihrer Herstellung entsteht. Die Wolle stammt von drei „regenerativen“ Schaffarmen in Neuseeland, die spezielle Landbewirtschaftungs-, Fütterungs- und Weidetechniken anwenden, um die Wolle CO2-negativ zu machen. Sie wird dann bei solarbetriebenen Unternehmen in Europa verarbeitet und mit einer chlorfreien Oberflächenbehandlung veredelt. Die solarbetriebene Strickerei Fatexil in Portugal verarbeitet schließlich die Faser mit 3D-Strickmaschinen, um einen abfallfreien Herstellungsprozess zu gewährleisten.

Der deutsche Stein-Erfinder GODELMANN hat den dreischichtig aufgebauten Pflasterstein namens GDM.KLIMASTEIN präsentiert, der das Grundwasser durch einen nachgewiesenen Schadstoffrückhalt schützt und eine Verdunstungsrate erzielt, die vergleichbar mit einer Wiese ist. Die Vorsatzschicht ist so konzipiert, dass sie Wärmeeinstrahlung reflektiert, Lärmemissionen reduziert und Luftschadstoffe neutralisiert. Der Kernbereich als Speicherschicht kann Regenwasser aufnehmen und wieder abgeben. Die dritte Kapillarschicht wiederum speichert mehr Feuchtigkeit und behält das Wasser im Stein, wodurch es zu einer erhöhten Verdunstungsleistung kommt.

Das Start-up Awatree hat für sein Ziel, bis 2030 eine Million Stadtbäume mit ihrem smarten System zu retten, den Undine Award 2022 erhalten. Awatree entwickelt seit 2021 digitale und nachhaltige Lösungen zur Bewässerung von Stadtbäumen. Das System verwendet Stadtmöbel als dezentralisierte und fernsteuerbare Wasserspeicher von natürlichen Wasservorkommnissen und nutzt Datenquellen wie Wettervorhersagen und Bodenmesswerte für die bedarfsgenaue Bewässerung. Die lokalen Wasserspeicher lagern Wasser im Frühjahr als Reserve für den Sommer ein und werden von einem Algorithmus in der Cloud gesteuert, um Wurzelwerke bei Bedarf zu bewässern.

Das deutsche Start-up Sono Motors testet mit der Münchener Verkehrsgesellschaft zusammen solarbetriebene Busse im ÖPNV. Dabei kommt ein Solarbusanhänger zum Einsatz, der über 20 semi-flexible Photovoltaik-Module auf dem Dach verfügt. Sie sollen mit mehr als 2.000 Watt Energie die Fahrzeugbatterie, Heizung, Lüftung und Klimaanlage sowie das Lenkungssystem des Anhängers versorgen. Die Technologie könnte die Reichweite von E-Bussen erweitern und durch den konstanten Ladevorgang deren Batterie schonen. In Anbetracht steigender Energiepreise und Emissionsvorgaben könnten die Solarbusse Verkehrsgesellschaften viele Vorteile bieten.

Das Start-up ClearLeaf hat Lösungen entwickelt, die schädliche giftige Pestizide ersetzen sollen und weltweit erhältlich sind. Sie basieren auf ungiftigen klebrigen Emulsionen, die als fungizide und bakterizide Beschichtung Pflanzen schützen und die Heilung von geschädigtem Pflanzengewebe fördern. Zudem verursachen die Lösungen keine mikrobielle Resistenz und verbessern das Pflanzenwachstum. Die Fungi-Bakterizide können zu jedem Zeitpunkt des Wachstumszyklus angewendet und sogar zum Schutz von Produkten nach der Ernte eingesetzt werden. Da sie ungiftig sind, schaden sie außerdem der biologischen Vielfalt auf dem Feld nicht.

Das US-Designerlabel Heron Preston hat gemeinsam mit dem Unternehmen Zellerfeld einen Schuh entwickelt, der vollständig per 3D-Druck gefertigt wird. Der “Heron01“ besteht aus nur einem Material. Durch die additive Fertigung kann er schneller und lokal produziert werden. Herkömmliche Lieferketten und potenziell schlechte Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern fallen so weg. Durch das einheitliche Material kann nicht nur auf umweltschädliche Kleber verzichtet werden. Der gesamte Schuh ist recycelbar. Kunden können ihre Schuhe bei Verfügbarkeit einer neuen Version neu drucken, ohne neue zu kaufen. Die Größe wird per Scan ermittelt.

Innovatoren erreichen mehr Umsatz und Gewinn, neue Kunden und Märkte. Trends früh erkennen, daraus Bedürfnisse richtig und rechtzeitig ableiten, neue Lösungen zum Erfolg entwickeln — das ist ihr Geschäft. Sie arbeiten intern im Netzwerk und extern mit Partnern. Marketing und Vertrieb sind früh eingebunden. Innovationen beginnen mit Ideen und gelingen durch strukturiertes Management.

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Beiträge von Dr. Michael W. Preikschas & Dr. Michael Schuricht zu Trends und innovativen Geschäftsideen