Degrowth: Eine Bewegung für nachhaltigere Geschäftsmodelle

TEXT: Dr. Michael W. Preikschas

Degrowth — der Gedanke, dass ein endlicher Planet keinen ständig steigenden Konsum verkraften kann — widerspricht den in den Wirtschaftswissenschaften gelehrten Ansatz, dass Wachstum weithin als der beste Weg zu Wohlstand gilt.

Da der Klimawandel sich beschleunigt und die Unterbrechung der Lieferketten den Verbrauchern in der reichen Welt einen ungewohnten Vorgeschmack auf knappe Ressourcen oder Produkte bietet, wird die Theorie immer weniger tabuisiert. Wissenschaftler haben nun verstärkt begonnen darüber nachzudenken, wie eine Degrowth-Welt aussehen könnte.

In den letzten Jahrzehnten ist die Weltwirtschaft schneller gewachsen als die von ihr verursachten Kohlenstoffemissionen. Diese teilweise Entkopplung hat jedoch bei weitem nicht ausgereicht, um Emissionen zu stoppen oder umzukehren. Eine fortschreitende globale Erwärmung ist die Folge. Im April 2022 kam der Internationale Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) zu dem Schluss, dass zur Verringerung der Kohlendioxidemissionen die Verbrauchernachfrage drastisch gesenkt werden muss. Dies hätte eine Abkehr von dem bisherigen Fokus — der Brennstofftechnologien — zur Folge.

Das IPCC-Pendant IPBES, welches sich mit biologischer Vielfalt befasst, hat im vergangenen Monat Degrowth in eine Reihe von alternativen Wirtschaftsmodellen aufgenommen, deren Erkenntnisse dazu beitragen könnten, die Umweltzerstörung aufzuhalten. Ein Artikel über Degrowth, der im Juni 2022 vom Weltwirtschaftsforum in Davos veröffentlicht wurde, deutete die Auswirkungen von Degrowth an: “Es könnte bedeuten, dass die Menschen in den reichen Ländern ihre Ernährung umstellen, in kleineren Häusern leben und weniger Auto fahren und reisen”.

Degrowth verlangt von den Gesellschaften, die Vorstellung zu überdenken, dass die prozentuale Veränderung des Bruttoinlandsprodukts ein genauer Indikator für den Fortschritt ist. Stattdessen sollte man bewusster leben und gleichzeitig weniger produzieren. Führende Wirtschaftswissenschaftler sind der Meinung, dass die Bewegung eine Kritik an der Vorstellung ist, dass Wirtschaftswachstum als etwas Gutes und Notwendiges angesehen wird. Darüber hinaus ist man der Meinung, dass es Teil der aktuellen Krise ist. Dabei möchte die Degrowth-Bewegung keine Senkung des persönlichen Einkommens, sondern vielmehr den Ländern mit hohem Einkommen klar machen, dass bereits mehr als genug Ressourcen vorhanden sind, um ein gutes Leben für alle zu sichern.

Statt sich also ausschließlich auf die Schaffung neuer Produkte zu konzentrieren, um damit kurzfristig den Umsatz zu steigern und weiter zu wachsen, könnten Unternehmen auch ihr “inneres Wachstum” fördern. Dies kann zum Beispiel bedeuten, in eine höhere Langlebigkeit der Produkte und die Zufriedenheit aller Mitarbeitenden zu investieren, indem man Wertschöpfungsketten und Arbeitszeiten optimiert und verkürzt — Maßnahmen, die das eigene Unternehmen auch gegen die wirtschaftlichen Folgen durch Corona und kommender Krisen absichern. Aber den Pfad in Richtung Anti-Wachstum zu beschreiten, ist mit Anstrengungen verbunden und kommt nicht ohne Widersprüche aus. Nicht zuletzt gilt es, der paradoxen Anspruchshaltung der Konsumenten zu begegnen — etwa der Forderung nach mehr Nachhaltigkeit bei gleichzeitig günstigen Preisen. Dass sich jedoch der Trend hin zu einer nachhaltigeren und gerechteren Wirtschafts- und Arbeitsweise immer mehr durchsetzt, zeigen uns täglich viele kreative Entwicklungen auf der ganzen Welt.

Der israelische Pharmakonzern Teva hat Anleihen im Wert von fünf Milliarden US-Dollar verkauft, die direkt an nachhaltige Ziele geknüpft sind. Über die nachhaltigkeitsgebundene Finanzierung will das Unternehmen Fortschritte bei der Erreichung von Zielen im Zusammenhang mit dem Klimawandel erzielen. Die Bonds sind außerdem an den Zugang zu Medikamenten in bestimmten Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gebunden. Zwei unabhängige Organisationen haben die Rahmenbedingungen für die Finanzierung geprüft und bestätigt. Teva ist damit das einzige Pharmaunternehmen, das sowohl soziale als auch ökologische Ziele mit einer Anleihe verknüpft.

In Berlin hat sich das Kurierkollektiv Khora als solidarischer Lieferservice von 30 Fahrradkurieren mit dem Ziel zusammengetan, faire Arbeitsbedingungen anzubieten. Im Vergleich zu anderen Lieferdiensten, bei denen es bei der Auftragsvergabe per App keine Transparenz gibt und alle Fahrer unterschiedlich viel verdienen, geht bei Khora das Geld, das die Fahrer verdienen, an eine Genossenschaft, die es dann auf die Fahrer verteilt. Die Fahrer kümmern sich zudem auch um Verwaltungsaufgaben, Orga und Marketing. Außerdem bekommen sie über die Genossenschaft eine Kranken-, Arbeitslosen- und Berufsunfallversicherung.

Die australische private Krankenversicherung NIB hat angekündigt, Mitarbeitern künftig Geld für das Arbeiten im Homeoffice zu bezahlen. Der Schritt erfolgt nach Ende des dreimonatigen Lockdowns in Sydney. Anders als viele andere Unternehmen, die ihre Mitarbeiter im Büro erwarten, bietet NIB seinen Angestellten umgerechnet 760 Euro im Jahr an, damit sie weiterhin von zu Hause aus arbeiten. Das Unternehmen begründet den Bonus damit, dass sie den privaten Arbeitsraum der Angestellten quasi anmieten und 75 Prozent der Büroräume untervermieten möchten. NIB will zudem Arbeitszeiten flexibilisieren und die Fünf-Tage-Woche überdenken.

Innovatoren erreichen mehr Umsatz und Gewinn, neue Kunden und Märkte. Trends früh erkennen, daraus Bedürfnisse richtig und rechtzeitig ableiten, neue Lösungen zum Erfolg entwickeln — das ist ihr Geschäft. Sie arbeiten intern im Netzwerk und extern mit Partnern. Marketing und Vertrieb sind früh eingebunden. Innovationen beginnen mit Ideen und gelingen durch strukturiertes Management.

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